Niklas Ehrentreich - Vertretungsstunde

Der Schreibimpuls findet sich am Ende der Seite

Das schwungvolle Kratzen der Kreide konnte das Gemurmel, das Lachen und Rufen des Klassenzimmers kaum übertönen. Nur diejenigen Kinder, die in der ersten Reihe saßen, hörten die Geräusche: den langen, gleichmäßigen Zug eines großzügig geworfenen G, das Stakkato der schnell geführten, kurzen Züge, das folgte. Ein letztes Schaben, ein L wohl, ein auf den Untergrund gehämmerter I-Punkt. Griebel. Herr Griebel. 

 

„So!“, sagte der Mann, der zu dem Namen gehörte, und reckte das Kinn, als er den Blick über die Tischreihen schweifen ließ. Er gab seiner natürlichen Autorität einen Moment, um zu wirken. Dann einen weiteren. „So!“, äußerte er noch einmal, lauter, laut genug, wie er fand. Viele der Anwesenden waren offenkundig anderer Meinung. 

 

Bernhard Griebel war nicht Lehrer geworden, um Macht über andere auszuüben. Er machte sich nichts aus der oft beschworenen Dankbarkeit, die einen gestandenen Pädagogen entlohnte, wenn die getriezten und zu ihrem Glück gezwungenen Bürgerstöchter und -söhne später bemerkten, wie die Lektionen und Weisheiten Früchte trugen – und ehrfürchtig Buße taten. Sein Glück hing weder an Kinderlachen noch an funkelnden Augen, die Freude am Begreifen, Durchdringen, Entdecken und Meistern fanden. Nein, Bernhard Griebel war einfach ein hervorragender Latinist, der es als seine Pflicht verstand, die noble Sprache mit ihrer unbestechlichen Logik im Bewusstsein einer Welt zu halten, der deren Noblesse, Unbestechlichkeit und Stringenz allzu oft zu fehlen schienen. 

 

„So!“, sagte Bernhard Griebel noch einmal. „Commilites, wer kann mir sagen, wie weit ihr mit dem Catilina gekommen seid bisher?“ 

 

Er war sich sicher, dass sie gehört hatten, was er gesagt hatte, doch ihren Mienen war zu entnehmen, dass damit längst kein Verständnis einherging. Klasse 9. Konnte es sein, dass sie den Cicero noch nicht angefasst hatten? War die Kollegin, die er vertrat, so weit hinter dem Stoff? Bei solchen Botschafterinnen für seine Disziplin war es weiß Gott kein Wunder, dass es schwerer und schwerer fiel, die eine Lateinklasse pro Jahrgang zustande zu bekommen. 

 

„Niemand? Na, dann sehen wir mal, wer ist denn… Leonard Adam?“ Er hatte den ersten Namen aus dem Klassenbuch gefischt. Es galt, die Verantwortungsdiffusion zu umgehen, das Gefühl von Nichtzuständigkeit, das eine Gruppe erfasste, die als ganze angesprochen wurde. Ein groß gewachsener Junge mit aggressiven durcheinanderfrisierten hellblonden Haaren und Oberlippenflaum antwortete. „Öhm“, versetzte er, „mit was?“

 

Griebel runzelte die Stirn. Niemand der einunddreißig Anwesenden zeigte ein Zeichen von Erkennen, auch nicht von Arglist – er wurde gerade nicht vorgeführt, sie wussten wirklich nicht, wovon er sprach. Einunddreißig, Einunddreißig Schülerinnen und Schüler in der Lateinklasse? Ihm kam ein beunruhigender Verdacht. 

 

„Sagt – was hättet ihr denn jetzt eigentlich für Unterricht? Bitte… Salome Dohmstedt.“ Zu seiner Linken richtete sich ein ganz in schwarz gekleidetes Mädchen auf. Sie wirkte, als könne sie Schwierigkeiten machen; renitent und eigenwillig, wie jemand, der an Fußgängerampeln immer wieder auf den Überquerungswunsch-Knopf drückte, auch wenn dieser schon leuchtete, aus Ungeduld und einem heiligen Ärger auf jede Art von Unbill und Bevormundung. Er, Griebel, drückte einmal. Und wartete. Wie ein Mensch, der sich im Griff hatte eben. „Bio“, sagte sie, und aus den drei Buchstaben tropfte Ablehnung, dick wie überfälliges Motoröl. 

 

Bernhard Griebel neigte nicht zum Schwitzen. Körperliches Unwohlsein drückte sich in verkrampfenden Waden aus, in einem Leeregefühl im Magen. Nun jedoch transpirierte er so spontan wie ergiebig. Biologie. Nun. Nicht seine Disziplin, nicht verwandt mit seiner Disziplin, kaum namentlich bekannt. Französisch ja, Deutsch gar, im Grunde eine Art Latein mit Stützrädern, wenn man ihn fragte. Aber Biologie? Er würde improvisieren müssen. 

 

Viele Kolleginnen und Kollegen hätten das Dilemma des Bernhard Griebel kaum verstanden. Eine Vertretungsstunde? Laut Plan: ja. Eine Aufsichtsstunde jedoch, wenn der Wahrheit die Ehre gegeben wurde. Erstlich zu unterrichten – eine nicht zu vertretende Forderung im Grunde, kurzfristig, nicht eingearbeitet, in fremden Klassen, zu all dem Ärger dazu, zu den Stunden und Konferenzen, der Vorbereitungen, den Elterngesprächen, AGs, Korrekturen, zu den Unterrichtsvorbereitungen zumal. Solange kein Kind der beaufsichtigten Klasse schwerer zu Schaden kam, war der Pflicht Genüge getan, so der Tenor. Doch der schnurgerade Altphilologe aus dem Oberschwäbischen, Sohn einer Klavierlehrerin und eines Buchprüfers mit einer Vorliebe für das Restaurieren von altem landwirtschaftlichem Nutzgerät, war für solcherlei Verschwendung von Lebens- und Lernzeit nicht zu haben. Seine Vertretungsstunden waren reich an Inhalt, an Lehre. An Schule eben. 

 

Biologie. Wie schwer konnte es schon sein? Er war ein erwachsender, belesener Lebenszeitbeamter. Hier saßen Pubertierende vor ihm. Mit der Biologie mochten sie derzeit irritierende praktische Erfahrungen sammeln, mit ihm würden sie es nicht aufnehmen können, wenn er seine Karten geschickt ausspielte. 

 

„Und was genau ist gerade das Thema? Gabriel Dullmann.“ Ganz hinten richtete sich der Angesprochene auf. Er sah älter aus als der Rest des Kurses, ein Späteingeschulter, ein Wiederholer womöglich. Sicherlich letzteres. Er fühlte sich sichtlich unwohl in seiner Haut, deplatziert unter den anderen. Der ausgeleierte Kragen seines Kapuzenpullovers hing ihm um den Hals wie das Joch einem arbeitsmüden Ochsen. „So, wenn so Tiere so als Gruppe funktionieren. So, wie so ein Tier irgendwie. Schwarmintelligenz, genau. Ja, Schwarmintelligenz. Bienen. Ameisen. Nacktmulle…“

 

„Tauben“, sagte Bernhard Griebel. Er wusste nicht, woher das Wort gekommen war. Es hatte sich angeschlichen, wie sich ein Löwe im hohen Steppengras einem Beutetier näherte, hatte zugeschlagen, kein Entkommen. Es war in der Welt. Innerlich beglückwünschte sich Griebel. Dass ihm so schnell eine passende Information eingefallen war, musste die Jugendlichen bestimmt beeindruckt haben. 

 

„Tauben?“ Eine Schülerin aus der ersten Reihe gab das Echo und wirkte selbst überrascht, nicht weniger überrascht, als er es vor einer Sekunde gewesen war. Griebel fixierte sie. Er wusste, dass es nun darauf ankam, seine Position als Kapazität zu verteidigen, gerade weil sie auf so schmalen, fragilen Füßchen stand. Es ging nicht bloß um inhaltliche Korrektheit – auch um Haltung, Status, Hierarchie. Sie zu verteidigen schuf erst die Basis, angemessen zu arbeiten. Also nahm er Blickkontakt mit dem Mädchen auf, durch ihre runden Brillengläser in ihrem dunklen Gestell hindurch, fest, unverrückbar. 

 

„Tauben, sehr wohl. Tauben sind eine einzige große, weltumspannende Lebensform. Oder woher“, hob er an, den Blickkontakt brechend, um den Rest des Raumes herausfordernd zu mustern, „denkt ihr, wissen Brieftauben, wie sie ihre Adressanten auffinden? Ganz einfach. Tauben sind im Grunde“ (und hier pausierte er effektvoll) „überall zur gleichen Zeit.“

 

Köpfe wandten sich. Die Kinder suchten Versicherung beieinander. Füreinander, gegen ihn. Die Formation von Widerstand musste nun schnell unterbunden werden. 

 

„Habt ihr euch nie gefragt, warum so wenige tote Tauben zu sehen sind? Und nie junge, nicht ausgewachsene Tauben? Ganz einfach. Sie organisieren sich in Völkern, die die Ihren aufziehen, schützen, schließlich bestatten. Hochorganisiert. Die Tauben, die wir zu sehen bekommen, sind lediglich Arbeiterinnen, Emissäre, Soldaten und Amazonen. Sie versehen gefährliche Ausflüge und Missionen. Jede Taube am Rande ihrer Kräfte wird geschont, gepflegt. Anzeichen einer hochentwickelten kollektiven Intelligenz.“

 

Die Irritation im Raum war mit Händen zu greifen. Man hätte sie aufsammeln, falten, zusammenlegen, verstauen können in ihrer Stofflichkeit. Bernhard Griebels Achseln sonderten weiter ungebremst beißend riechenden Schweiß ab. Betrug an seiner Sache. Er würde nicht weichen. 

 

„Taubenschwärme fliegen komplexe Formationen, gesteuert von nichts als ihrem gemeinsamen Bewusstsein für Sonnenstand, Zeit, Raum. Gegen den Wankelflug der Columbidae ist der Schwänzeltanz der Honigbiene ein unbeholfenes Husten im Rauschen des Äthers. Was lernt ihr eigentlich, wenn nicht das?“

 

Einunddreißig Augenpaare waren nun auf ihn gerichtet. Dreißig Augenpaare und ein Auge. Der Junge am Fenster schielte wirklich erheblich. Sie alle wollten ihn zur Aufgabe zwingen. Doch Griebel wusste: nun entschied es sich. Es gab kein zurück. Die Würfel waren geworfen (nicht etwa „gefallen“, wie landläufig übersetzt wurde. Ein gefallener Würfel zeigte bereits ein Ergebnis; ein geworfener war unwiederbringlich auf dem Weg zu einem Entschluss – der aber noch im Dunkeln lag. Die ungleich höhere Dramatik des in Bewegung befindlichen unausweichlichen Schicksals ging allzu oft verloren). Er begegnete den Blicken. Unerschrocken. Standhaft. 

 

Und dann geschah es. Wie choreographiert begannen die Schülerinnen und Schüler damit, in ihren Rucksäcken und Taschen zu kramen. Biologiebücher wurden aufgeschlagen, Blöcke durchgeblättert, Hefte und Ordner ausgelegt. Dabei tauschten die Kinder Blicke aus, die von Respekt, ja: Ehrfurcht zeugten. Die Spannung fiel Bernhard Griebel von den Schultern, einem schweren Mehlsack von den Schultern eines geschundenen Müllergesellen gleich. Er lächelte milde und wandte sich zur Tafel, um sachgemäß das Datum zu notieren. 

 

In seinem Rücken jedoch, vor den Blicken des selbstgewissen Pädagogen geschützt, fühlte sich der ein oder andere durchaus befleißigt, dem Bericht über einen Vogel einen solchen, illustrativ und vehement gezeigt, folgen zu lassen. Aktivierend, partizipativ, anregend. Bernhard Griebels ausbildender Fachleiter, voriges Jahr nach einem fatalen Sturz über seinen Caesar-Türstopper kurz vor seinem sechsundachtzigsten Geburtstag verschieden, wäre stolz auf seinen Zögling gewesen.

 

 

 

 

 

 

Impuls: 

Baue offenkundig erfundene Informationen und Fakten in deinen 
Text ein. Nutze sie, um jemandes Verhalten zu
erklären oder zu motivieren.