Niklas Ehrentreich - Lob der Faulheit

Der Schreibimpuls findet sich am Ende der Seite

Sie haben es ja nur gut gemeint. Glaube ich. Wahrscheinlich sind sie sogar selbst überzeugt gewesen. Als meine Eltern mir jedenfalls sagten: den Fleißigen gehört die Welt, da hab ich auf sie gehört und dieses gefährliche Stück Ideologie in mich aufgesogen wie eine billige Fleecejacke den Herbstregen beim Campingausflug. Das heißt jetzt nicht, dass ich je fleißig gewesen wäre. Meine Vorstellung eines harten Arbeitstages ist bis heute, wenn ich zwei Zoom-Calls absitze und mir dazwischen händisch Pesto auf die Nudeln löffle, weil keine Fertigpizza mehr da ist. Aber: ich hab‘ mich immer schlecht gefühlt damit. Ein bisschen wenigstens. Also nicht genug, um was zu ändern, aber doch latent ungut, ungefähr so, wie wenn man morgens pinkeln muss, aber noch nicht aufstehen will und denkt, dass das schon von selbst weggeht. Und mit morgens meine ich natürlich 11:30 Uhr. 

 

Aber selbst dieses Maß an Unbehagen ist fehl am Platz, denn: den Fleißigen gehört ein Scheiß! Schaut euch die Top100 der reichsten Menschen doch mal an: Blutdiamantenmilliardäre, Online-Buchhändler, Computer-Nerds aus den 90ern. Was davon schreit bitte „fleißig“? Wo wird da geschraubt, gepflegt, gekümmert, ausgeliefert, geschleppt, gebaut, gerannt? Da wird geerbt und investiert, da spuckt doch keiner in die Hände, zumindest nicht in die eigenen. Höchstens in die von Steuerbehörden, die einen fairen Anteil einsammeln wollen. 

 

Um so viel Geld und so viel Welt zu haben wie Lynsi Snyder, müsste ich zum Beispiel 1500 Jahre Burger braten, bei amerikanischem Mindestlohn. Lynsi Snyder gehört In n Out Burger, die fünzfigstgrößte Fast-Food-Kette in den USA, gegründet von ihrem Opa, versteht sich. Und sie ist grade mal auf Platz 687 der reichsten Menschen der Welt. Das lohnt sich ja kaum! Das sind die Leute, die später im Apokalypse-Bunker die Schuhe putzen müssen! 4,2 Milliarden Dollar, das ist einstellig, das ist peinlich, was sollen die Nachbarn sagen? Pöbel ist das, bei denen hat das Rettungsboot der Yacht keinen Hubschrauberlandeplatz, lass dich nicht bei denen blicken. Und dafür 1500 Jahre am Grill stehen? Jetzt sagen manche: Naja, aber der Trick der Milliardäre ist ja - früh aufstehen. Um 5 klingelt der Wecker, irre, was man da alles schafft. Regelmäßig lüften, Yoga, Dankbarkeits-Tagebuch und ein Aktienpaket vom Onkel, das sind die Geheimnisse der Schönen und Reichen, nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Dabei müsste der Rückschluss ein ganz anderer sein. Wenn die Welt eben nicht den Fleißigen gehört, dann ist der Weg doch nicht, mehr zu arbeiten. Sondern weniger. Der frühe Vogel fängt den Wurm? Am Arsch! Der frühe Vogel fängt den frühen Wurm. Was ist mit dem späten Wurm, der erst zum Brunch aufsteht? Früh übt sich, wer ein Meister werden will? Ein Meister verdient hier im Schnitt 46.000 Euro, das sind 113.000 Jahre, bis man Lynsi Snyder ist. Das üben spare ich mir.

 

Die Faulheit hat also ganz zu Unrecht einen schlechten Ruf. Von den Reichen lernt man Sparen, aber von den Faulen lernt man Effizienz! Als hätte jemals ein fleißiger Mensch, der gerne mal die Extrameile geht, das Aquädukt erfunden. Der steht um 5 auf, schreibt „dankbar für Kaiser Nero“ in sein Journal und latscht erstmal mit der Amphore ins Gebirge, um Quellwasser für sein Oatmeal zu holen. Der Faule schläft aus, denkt „wäre geil, wenn das Wasser hierherkäme“ und sucht sich ein paar Fleißige, die das dann umsetzen. Weiter zurück: das Rad! Das trägt die Handschrift der Bequemlichkeit! Über wie viele Kanten willst du das Ding da hinten an der Achse kippen? Über keine! Na bitte! Faule Menschen sind nicht besser als andere. Aber selbst, wenn sie Unheil im Sinn haben, das passiert ja frühestens morgen. Und zwar immer! Und dann auch nicht viel davon, viel zu anstrengend. James Bond könnte längst im Ruhestand sein, wenn Goldfinger und Dr. No einfach mal chillen und Playstation spielen würden, während sie sich versichern, dass sie am nächsten Tag ganz bestimmt ein großes Ding drehen. 

 

Natürlich kann man auch durch Nichtstun großen Schaden anrichten. Man könnte das auch „scholzen“ nennen. Das ist als Faulheit getarnte Böswilligkeit, die in der Tat eine Menge Arbeit an Verdrängung und Rechtsberatung erfordert und der Bequemlichkeit als Ganzer einen schlechten Ruf verleiht. Trotzdem, zugegeben, die Existenz der Fleißigen macht es manchmal schwer, straight edge faul zu bleiben, ohne moralisch ins Hintertreffen zu geraten. Fleiß ist also ansteckend und es gelten im Grunde die gleichen Regeln wie sonst auch: Kontakt vermeiden, social Distancing, auf Besserung hoffen. Tu einfach so, als wärst du Jeff Bezos und dein Gegenüber ein widerlicher kleiner Einkommensmilliardär, der gelegentlich noch mit Bargeld zu tun hat. Bäh. Und damit das gelingt, damit die Faulen endlich unter sich sein können, um gemeinsam die Welt in Besitz zu nehmen, denn das scheint ja ihr angestammter Platz zu sein, habe ich eine Parole verfasst. Zum Mitsprechen oder Mitsingen, das geht auch gut im Sitzen oder Liegen. Daran werden wir uns erkennen. 

 

Senkt die Hand zum Gruß und nickt nur ganz entspannt

Es ist jetzt nicht die Zeit der großen Taten

Liebe Arbeitsscheue aus dem ganzen Land

Chillt erstmal, die Revolution kann warten

Denn die Welt gehört nicht denen, die sich mühen

Sondern denen, die die and’ren mühen lassen

Die schönsten Gärten können ohne Gärtner blühen

Schreibt es bei Gelegenheit in alle Gassen

Und wenn unser Tag dann kommt, dann sind wir ausgeruht und fit

Wann immer es euch passt, stimmt mit ein und singt es mit: 

Den Fleißigen gehört vielleicht sie Welt.

Wir übernehmen sie dann – wenn es uns gefällt.






Schreibimpuls: 

Was ist die größte Lüge, die dir als Kind erzählt wurde 
und wie hat diese dein Leben beeinflusst?